Zukunftsforschung
Die Auseinandersetzung mit der Zukunft ist so alt wie die Menschheit. Zahlreiche Rituale wurden und werden praktiziert, um die Zukunft vorherzusagen. So beispielsweise die Analyse des Vogelfluges, die Eingeweideschau oder das Kaffeesatzlesen.
Geschichte der Zukunftsforschung
Bereits im Jahre 1516 veröffentlichte Sir Thomas More ein Buch mit dem Titel "Utopia". Es ist das wahrscheinlich erste Buch, das sich intensiv mit der Zukunft beschäftigt. Später wurde Michel de Notre-Dame unter anderem mit seinem Buch "les centuries" (1555) der bekannteste unter den damals so genannten "Sehern". Im Zeitalter der Aufklärung im 18. Jahrhundert erfasst das Interesse an der Zukunft breite Schichten. Edward Bellamy beschreibt in seinem Buch "Looking backward: 2000-1887" aus dem Jahr 1888 bereits eine umfassende Vision der langfristigen Zukunft. Mit der Industrialisierung und der damit verbundenen Entwicklung von der landwirtschaftlichen zur industriellen Gesellschaft veränderte sich durch die neuen technischen Möglichkeiten auch die Vorstellung der Menschen von der Zukunft. So schrieb beispielsweise Jules Verne bereits 1865 in seinem Buch "De la terre à la lune" über eine Reise zum Mond.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war durch die beiden Weltkriege zunächst nur eine relativ kurzfristige Planung der Zukunft üblich. Nach Ende des zweiten Weltkrieges musste geklärt werden, was aus den Kriegsverlierern Deutschland und Japan werden sollte. Entweder sollten sie entmilitarisierte Agrarstaaten werden oder sie sollten politisch und wirtschaftlich unterstützt werden, um in die Gemeinschaft demokratischer Staaten zurückzukehren. Diese wichtige und folgenschwere Entscheidung erforderte eine detaillierte und anspruchsvolle Auseinandersetzung mit der Zukunft, die in der Geschichte der Menschheit zum ersten Mal in dieser Dimension notwendig war.
Im Jahr 1945 wurde die RAND Corporation gegründet, um für die USA Vorteile im sich bereits abzeichnenden militärischen Wettlauf mit der Sowjetunion zu schaffen. An der RAND Corporation wurden zu diesem Zweck erstmals intensiv Szenarien, Simulationen und Delphi-Studien entwickelt und eingesetzt. Der RAND-Forscher Hermann Kahn gründete in den 1960er Jahren das Hudson-Institut und schrieb das Buch "The Year 2000", das sich als erstes Buch detailliert mit globalen Szenarioplanungen auseinander setzte.
Seit den 60er Jahren haben sich zahlreiche Organisationen wie die World Future Society, die World Future Studies Federation und die Association of Professional Futurists etabliert. Inzwischen kann man an etwa 50 Universitäten weltweit Kurse und Seminare zum Thema Zukunftsforschung belegen. Jährlich erscheinen Hunderte von Publikationen über die Methoden und das wachsende Wissen im Bereich Zukunftsforschung, die von professionellen Rezensionsdiensten wie dem "FutureSurvey" von Michael Marien ausgewertet werden. Arbeiten wie die "Encyclopedia of the Future" und die CD "The Knowledge Base of Future Studies" haben dabei zur Manifestierung des Themas und zur Steigerung des methodischen und inhaltlichen Niveaus beigetragen.
Definition der Zukunftsforschung
Heute ist die Zukunftsforschung zu einem separaten Forschungsfeld geworden. Sie wird als interdisziplinäre Forschung nach einer möglichen, wahrscheinlichen und gewünschten Zukunft betrachtet, aus der Folgerungen für die Gegenwart gezogen werden sollen. Ziel der Zukunftsforschung ist die systematische Erzeugung von Orientierungswissen und die stärkere Einbeziehung zukunftsorientierter Erwägungen in Entscheidungsprozesse.
Nach jahrzehntelanger systematischer Zukunftsforschung hat sich unter Fachleuten die Überzeugung durchgesetzt, dass die Zukunft nur in engen Grenzen vorhersehbar ist. Dennoch hält sich unter Laien hartnäckig die Vorstellung von der Zukunftsforschung als einer Prognosedisziplin, die an der Genauigkeit ihrer Vorhersagen zu messen ist. Da dies nicht möglich ist, macht sich als Konsequenz häufig Frustration breit.
Die Zukunftsforschung blickt auf eine lange Entwicklung zurück und wird heute als eine Forschung nach einer möglichen, wahrscheinlichen und gewünschten Zukunft betrachtet.