Was heute noch klein und unbedeutend erscheint, kann morgen die Welt verändern.

Rsid: rs3094315, chromosome 1, position 742429, Genotype GG. Was ist das? Richtig, das ist ein Fragment aus einem Genom, aus meinem Genom. Ich habe es bei einem US-Unternehmen sequenzieren lassen. Nun ist es in der Cloud gespeichert.

Man registriert sich auf einer Website und bekommt ein paar Tage später ein Röhrchen mit einer Flüssigkeit, in die man hineinspuckt. Das Röhrchen wird geschüttelt, verpackt und zurück in die USA geschickt. Angeblich anonym wird das Genom in einem Labor sequenziert und dann an den Anbieter der Genanalyse geleitet. Also, in Sachen Datenschutz darf man da nicht zu den Ängstlichen gehören. Man wird natürlich davor gewarnt, dass man Dinge erfahren könnte, mit denen man womöglich nur schwer umgehen kann. Vielleicht werden auch ganz überraschend Verwandtschaftsverhältnisse entdeckt, oder als gesichert geglaubte Verwandtschaften könnten sich in nichts auflösen. Zwei Wochen später bekam ich per Mail Benutzername und Passwort und konnte auf der Website durch mein Genom surfen. Wozu?

Gesünder mit künstlicher Intelligenz?

Nun, ich kenne jetzt alle Prädispositionen für alle bekannten Krankheiten – auch für solche, von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Jedenfalls kenne ich den genetischen Teil meiner Veranlagung, in Prozent und im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt. Dazu gibt es einen Konfidenzindikator zu jeder Angabe. Wenn ein Ergebnis nur auf einer einzigen Studie basiert, erhält es nur ein Sternchen. Liegen der angegebenen Veranlagung jedoch viele Studien zugrunde, prangen dort fünf Sternchen. Zu jedem potenziellen Leiden gibt es ausführliche Erläuterungen, Querverweise und Quellenangaben. Das alles hat mir ein ganz neues, ein IT-basiertes Verständnis meiner Gesundheit verschafft. Ich weiß nun datengestützt und auf Basis einer gewissen „künstlichen Intelligenz“, worauf ich achten und was ich vermeiden sollte.

Machtverschiebung am Patiententisch

Ausgerüstet mit diesem Hintergrundwissen habe ich aus diesem Profil eine PDF-Datei erstellt und meinem Hausarzt gemailt mit dem Zusatz: „Darüber würde ich gerne mal mit Ihnen reden.“ Vielleicht können Sie sich vorstellen, wie sich die Machtverhältnisse am Patiententisch meines Arztes gewandelt haben. Solche Erlebnisse stehen zukünftig ja unzähligen beratenden Berufen bevor, wenn die Algorithmen und Maschinen nicht nur „Big Data“ haben, sondern das Ganze auch noch künstlich intelligent und gar kreativ zu sachlichen Beratungen verarbeiten können. Kaum jemand kann sich das heute so recht vorstellen, dass der Steuerberater, Anwalt oder Marketingberater dereinst den Thron der wertschöpfenden Bevölkerung mit Computern wird teilen müssen. Die Geschichte wiederholt sich. Vor wenigen Jahrzehnten trauten viele Entscheider der Informationstechnik auch nicht besonders viel zu.

Facebook auf Verwandtschaftsbasis

Da Zahlen und Buchstaben leicht vergleichbar sind, identifiziert die Datenbank der Genome solche Menschen auf dem ganzen Globus, die größere Teile meines Genoms mit mir gemeinsam haben. Man bietet mir eine Liste mit meinen Verwandten an. Da steht dann sinngemäß: „Das ist dein Cousin neunten Grades, der wohnt in Winnipeg, willst du dich mit dem vernetzen?“ Das Ganze erinnert an eine Art Facebook auf Verwandtschaftsbasis. Mit einigen davon habe ich gesprochen und geschrieben. Sehr spannend. Fotos haben wir auch getauscht. Gut, nicht mit dem Cousin neunten Grades, mit gemeinsamen Vorfahren vor über 200 Jahren ist das weniger interessant. Wenn ich wollte, könnte ich mit meinen „neuen“ Verwandten über ihren Umgang mit genetischen Macken und ihr allergiekompatibles Ernährungskonzept diskutieren und mir die besten Spezialisten weltweit empfehlen lassen.

Genetik könnte Kriege verhindern

Meinem Namen nach weiß man, dass meine Wurzeln auf dem Balkan liegen. Die Völker dort haben praktisch alle die gleiche Haltung: Wir sind die Guten, die anderen sind die Bösen, wir haben im Krieg immer gewonnen und im Frieden verloren. Ich habe mir mal angesehen, mit welchen dieser Völker ich verwandt bin. Das Ergebnis ist: mit allen! Vermutlich gilt das für fast alle Menschen auf dem Balkan. Ich glaube, dass wir nicht 150.000 Tote in den letzten Balkan-Kriegen zu beklagen hätten, wenn man sich dieser Tatsache bewusster wäre.

Ein Keim neuer Märkte

Was heute klein und unbedeutend erscheint, so wie diese einfache Möglichkeit zur Genanalyse, kann morgen die Welt verändern. Von der Öffentlichkeit wenig beachtet, ist eine wissenschaftliche Innovation marktreif geworden. Allen berechtigten Mahnungen und Zweifeln zum Trotz eröffnet diese auf den ersten Blick kleine Innovation der persönlichen Genom-Sequenzierung faszinierende und mitunter auch beängstigende Möglichkeiten. Wenn die Chancen das Licht sind, sind die Risiken der Schatten. Früh erkannte Chancen bergen immer die größten Risiken. Das Risiko ist schlicht der Preis für die Teilhabe an den entstehenden Zukunftsmärkten.