Manchen gilt es als Flucht vor der Realität, ja sogar als nutzlose Spielerei, in Zeiten von Wirtschaftskrisen die Zukunft im Blick behalten zu wollen. Dennoch ist genau dies notwendig, um heute die Chancen zu erkennen und zu nutzen.

Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass es auf Jahre hinaus eher nur schwaches Wachstum in der Gesamtwirtschaft der entwickelten Staaten geben wird. Die Weltwirtschaft wird weiter wachsen, wenn auch deutlich langsamer. Massive Crashs der Börsen wie auch der Volkswirtschaften und lange ungekannte Währungsturbulenzen sind wahrscheinlicher geworden, als uns allen lieb ist. Ein Großteil der heutigen Probleme haben wir dadurch geschaffen, dass wir nicht ernsthaft und zielgerichtet über die Zukunft nachgedacht, sondern nur im Hier und Jetzt agiert haben. Die hohe Verschuldung der Staaten ist ein Paradebeispiel unverantwortlichen Kurzfrist-Denkens. Wir müssen unseren Horizont erweitern und unsere Krisen-Fixierung überwinden, um heute langfristige Lösungen zu entdecken und zu entwickeln. Und wir müssen in diesem turbulenten und unsicheren Umfeld bessere Werkzeuge zur Entscheidungsfindung nutzen, seien es Annahmen-Analysen, Szenario-Analysen oder Crash-Games. So bleiben wir handlungsfähig und sichern wir unsere wirtschaftlichen Existenzgrundlagen.

Innovative Wege aus der Mobilitätskrise

Wer die Welt nicht nur durch die Bedrohungsbrille, sondern durch die Chancenbrille betrachtet, wundert sich zuweilen, wie dynamisch trotz aller verständlichen Krisenlähmung technologische Neuentwicklungen voranschreiten und schon jetzt völlig neue Perspektiven eröffnen. Insbesondere entlang der Trends im Umwelt-, Klima- und Ressourcenschutz entstehen neue innovative Produkte, Leistungen und Lösungen, von denen wir alle in Zukunft profitieren können. Ein Beispiel dafür sind Neuentwicklungen im Bereich Elektromobilität.

Mit den Elektrofahrzeugen für den Kurzstreckenverkehr hat sich eine neue, moderne Fahrzeugklasse, die „Short Distance Vehicle (SDV)“, etabliert. Doch die Hersteller gehen deutlich weiter: Sie verstehen sich nach einigen Jahren der bloßen Lippenbekenntnisse wirklich als Mobilitätsdienstleister und integrieren, wie etwa BMW, auch Car-Sharing-Modelle in ihre Angebote. Daimler steigt über seine Marke Smart außerdem in das Geschäft mit E-Bikes ein und will diese Produkte vielleicht künftig in sein eigenes Car-Sharing-Projekt Car2go integrieren.

Zukunftsmarkt Bioenergie

Völlig neue Perspektiven zur Energieversorgung eröffnet der 2011 vor der Küste Schottlands in Betrieb genommene Wellen-Energie Generator „Oyster800“. Der 20 Meter lange Generator produziert nonstop und umweltfreundlich 800 kW Energie und könnte im großen Maßstab genutzt werden.

Sogar Abwasserreinigungsanlagen können mithilfe moderner Technik künftig Strom und Wärme erzeugen: Die Biotechnikfirma Emefcy hat eine Brennstoffzellentechnik auf Basis von Mikroorganismen entwickelt, bei der die Bakterien ihre Nahrung direkt aus dem Abwasser beziehen. Ergänzend zu solchen umweltfreundlichen Großanlagen schreiten auch Konzepte zur dezentralen Gewinnung von Strom und Wärme voran.

Die Firma Miele hat einen Solar-Wäschetrockner entwickelt, der sich im Haus in bereits bestehende Solar-Heizsysteme integrieren lässt und die kostenlose Sonnenenergie auf direktem Weg nutzen kann, ohne dass diese vorher in Strom umgewandelt werden muss.

Gesünder durch preiswerte Hightech

Auch im Gesundheitssektor bieten technologische Innovationen neue ökonomische Möglichkeiten. Die Firma AliveCor aus Seattle hat eine kabellose Hülle für Apples iPhone vorgestellt, mit der man, zusammen mit der passenden App, ein Elektrokardiogramm (EKG) schreiben kann. Laut Hersteller hat die EKG-Messung annähernd dieselbe Qualität wie die teuren Überwachungsgeräte in Krankenhäusern. Dies wäre ein enormer Fortschritt, denn Hülle und App sollen nur um die 100 US-Dollar kosten, einen Bruchteil des Preises eines handelsüblichen EKG-Gerätes. Das Smartphone warnt bei Unregelmäßigkeiten und kann das EKG per E-Mail an den Kardiologen senden

Hirnströme, Muskelsignale und Herzschlag werden künftig viel leichter, unauffälliger und bequemer gemessen werden können. Forscher haben Sensoren entwickelt, die wie ein hauchdünnes Pflaster auf der menschlichen Haut kleben. Die kaum sichtbare Elektronik faltet, biegt und dehnt sich und folgt so nahezu unbemerkt jeder Bewegung. Aufgetragen wird sie einfach durch Anfeuchten mit Wasser – ähnlich einer temporären Tätowierung.

Auch in der Diagnose von Krankheiten steuern wir auf eine Revolution zu: Kürzlich haben Forscher einen Chip vorgestellt, der unter anderem HIV-Infektionen oder Syphiliserkrankungen binnen weniger Minuten nachweisen kann. Kliniken und Ärzte könnten so künftig zahlreiche Diagnosetests anbieten, ohne dass die Patienten zum Blutabnehmen ins Krankenhaus gehen und dann tagelang auf ihr Ergebnis warten müssen.

Menschliche Kreativität: eine unerschöpfliche Ressource

Die Ergebnisse der Zukunftsforschung sind wichtig, nicht, weil sie schon fertige Lösungen liefern, sondern weil sie deutlich machen, dass viele Probleme, die wir gemeinhin als natürlich und oft als unveränderbar ansehen, sehr wohl gelöst werden können. Die Liste vielversprechender Erkenntnisse und Entwicklungen ließe sich beinahe unendlich fortsetzen.

Ob sich all diese Chancen realisieren und vermarkten lassen, weiß natürlich niemand mit Gewissheit. Es liegt an uns, sie zu nutzen und dabei die nötigen und vertretbaren Risiken einzugehen. Unser Problem heute ist nicht, dass wir in der Welt keine positiven Entwicklungen und Chancen haben. Das Problem ist vielmehr, dass unsere Wahrnehmung, unsere Kreativität und unser Entscheidungs- und Umsetzungswille oft durch diese Krisenzeit getrübt sind. Wer nicht den Antrieb hat, bis zum Horizont zu schauen, wird sich aus schwierigen Situationen im Hier und Jetzt nicht herausarbeiten können.