Die Wiederkehr der Maschinenstürmer: Unsere Zukunftsmärkte brauchen mehr als nur Hochtechnologien und Wissensberufe

Als die Maschinenstürmer Anfang des 19. Jahrhunderts aus Angst um ihre Arbeitsplätze Maschinen zerstörten und gar deren Erfinder umbrachten, wollten sie den Beginn einer neuen Ära aufhalten – wenngleich mit denkbar ungeeigneten Mitteln. Sie konnten sich die neuen Berufe und Märkte, die entstehen sollten, schlicht nicht vorstellen. Heute ist es nicht viel anders. Viele Unternehmen, Branchen und Berufe werden in Deutschland und Europa nach und nach das Ende ihrer Ära erreichen. Solches passiert seit Tausenden von Jahren, heute aber in zunehmendem Tempo. Manche Unternehmen und Branchen werden durch strukturelle Krisen gehen, um dann wieder in eine neue Ära aufzubrechen. Andere werden für immer verschwinden.

Qualifikation als Eintrittskarte ins „asiatische Jahrhundert“

Für viele Arbeitnehmer und Arbeitgeber werden diese Umwälzungen in der Tat zu beruflichen, finanziellen und gar existenziellen Katastrophen führen. Hochqualifizierten steht die Welt offen. Doch am anderen Ende eines sich stärker polarisierenden Arbeitsmarktes stehen diejenigen, deren Qualifikation immer weniger nachgefragt werden. Es ist unverständlich und geradezu empörend zu sehen, wie viele junge Menschen heute mit kaum zukunftsfähigen Qualifikationen, gänzlich ohne Berufsausbildung oder gar ohne Schulabschluss ins Berufsleben gehen oder gar geschickt werden. So wächst ein gefährliches Potenzial für soziale und politische Konflikte heran. Wie sollen sie im angebrochenen „asiatischen Jahrhundert“ über 40 bis 50 Jahre einen auskömmlichen Lebensunterhalt verdienen? Sie sind es, um die wir uns wirklich Sorgen machen müssen. Folglich werden unsere Zukunftsmärkte nicht ausschließlich in Hochtechnologien und Wissensberufen liegen können und dürfen.

1189220_chinese_dragonParallel zur Angst vor dem technisch getriebenen Wandel wächst die Furcht vor den Chinesen und Indern, insbesondere bei den Leitern produzierender Unternehmen in Europa. Die Asiaten werden immer besser und im Wettbewerb geschickter und aggressiver. Nicht zuletzt wächst ihre weltpolitische wie finanzielle Macht. Die alte Erfolgsformel, man müsse um so viel besser sein, wie man teurer ist, reicht heute nicht einmal mehr zu einer einstweiligen Beruhigung aus. Die Praxis zeigt, dass eben nicht immer das „Bessere“ gewinnt. „Besser“ ist eine bei Weitem zu allgemeine Wettbewerbsdimension. Viele europäische Produzenten erobern asiatische Märkte, gerade weil ihre Produkte nicht besser, sondern weil sie einfacher, also „right-sized“ und somit preisgünstiger sind. Gute Beispiele sind Mobiltelefone, medizintechnische Geräte und Autos.

Die Zukunft wird uns wesentlich mehr Chancen bieten als die Vergangenheit

Wir gehen in eine multipolare Wirtschaftswelt, in der wir in Europa zwar ein im Vergleich kleiner gewordener, aber wahrscheinlich weiterhin konkurrenzfähiger Mitspieler sein und auf Augenhöhe mit vielen neuen Konkurrenten stehen werden. Und Europa hat größere Chancen, als wir gemeinhin glauben. Dass die hiesigen Unternehmen ähnlich viel nach Asien verkaufen, wie wir von dort importieren, wird gerne übersehen. Ebenso gerne wird verdrängt, dass der zunehmende Wohlstand Anderer, also hier stellvertretend der wachsende Wohlstand der Chinesen und Inder, kein Nachteil, sondern grundsätzlich einen Vorteil für europäische Unternehmen ist.

Die globale Mittelschicht wächst in rasantem Tempo. Sie wird sich bis 2030 voraussichtlich verdreifachen. Produkte, Leistungen und Lösungen aus Deutschland und Europa werden von diesen weltweit zu Wohlstand kommenden Menschen auch in Zukunft gekauft. Wenn die Zunahme des weltweiten Wohlstands irgendwann auch im Rahmen der Prinzipien ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit stattfindet, darf man auch in ethischer und existenzieller Hinsicht sehr zuversichtlich in die Zukunft sehen. Allerdings müssen wir frühzeitig erkennen, wann und wie die Ära unserer Geschäftsfelder zu Ende geht, uns rechtzeitig auf veränderte Märkte einstellen und neue erschließen. In diesem Prozess werden wir neben Verbessertem und gänzlich Neuem auch vieles Altbewährte in einfacher Form und/oder zu wesentlich geringeren Preisen herstellen und leisten müssen.

Unternehmen sind dazu da, Menschen glücklicher zu machen

Jede Neuerung und jede Zunahme des Wohlstands führt zu neuen Problemen und Wünschen. In der Zukunft werden sie zunehmend immateriell, geistig und gar seelisch sein. Wir werden andere Tätigkeiten als heute als Arbeit für den Lebensunterhalt ansehen. Die Zukunft wird uns wesentlich mehr Chancen bieten als die Vergangenheit. Die große Herausforderung wird darin liegen, dass diese Chancen nur nicht mehr so leicht erkennbar sein werden.