Dr. Pero Mićić

Wie geht jemand wie ich und mein Team, die wir intensiv an der Zukunft und an Zukunftsstrategien arbeiten, mit dem Russland-Ukraine-Krieg um? Wie soll es da noch eine gute Zukunft geben? Von wegen Bright Future. Das fragt man uns in den letzten Tagen häufiger.

Ich will mir nicht anmaßen, das ganze Bild zu haben. Das hat niemand. Wir können aber für den Umgang mit der Zukunft Einiges lernen.

Video: Russland-Ukraine – zu viel Geschichte – zu wenig Zukunft

Der französische Präsident Macron hat berichtet, dass Putin ihn stundenlang über sein Bild der – so wörtlich – historischen Einigkeit der Russen und Ukrainer belehrt hat. Eine Einigkeit, die er als gestört und zerstört wahrnimmt. Die große Mehrheit der Ukrainer hat ein anderes Verständnis ihrer Identität.

Konflikte zwischen Menschen und so auch zwischen Staaten entstehen durch verletztes Selbstwertgefühl. Durch gefühlte Abwertung des Einen durch den Anderen. Ob in einer privaten Beziehung oder auf der großen politischen Weltbühne. Jemand hat in der Vergangenheit mein Selbstwertgefühl verletzt und deshalb muss ich mich jetzt wehren und mich selbst behaupten.

Ich kenne das aus den Kriegen in meiner Geburtsheimat. Es ist immer das in früheren Zeiten verletzte Selbstwertgefühl einer Nation oder Volksgruppe, das als Begründung und Rechtfertigung für den Waffengang dient. Und natürlich ist es immer nur Selbstverteidigung, auch wenn diese Begründung beim Blick auf die realen Verhältnisse meistens mehr als abenteuerlich ist. Natürlich sind es nicht die Bürger, die kollektiv entscheiden, sich in den Konflikt stürzen. Es sind immer nur wenige, die nach mehr Macht, Ruhm und Reichtum trachten.

Eines meiner Learnings aus den Geschehnissen der letzten Tage und Wochen ist, dass auch in diesem Konflikt wieder die Zukunft eine viel zu kleine Rolle spielt und die Geschichte eine viel zu große. Wenn wir immer auf die in früheren Zeiten verletzte Ehre blicken, wird die Kette der Konflikte und Kriege nicht abreißen. Ich wiederhole mich: Das gilt in der privaten Beziehung, in der Familie, im Unternehmen und in der Weltpolitik. Weil es immer um Menschen mit ihren oft verzerrten Erinnerungen geht, aus denen die irrationalen Emotionen entstehen.

Es heißt, dass man die Gegenwart nur verstehen kann, wenn man die Geschichte kennt. Dem stimme ich weitgehend zu. Beim Verstehen hilft die Geschichte natürlich sehr. Die Geschichte hilft uns sogar methodisch, Zukunft zu denken. Historische Analogien sind eine große Hilfe, wenn Sie sich vorstellen wollen, wie sich die Menschen in der Zukunft verhalten werden. Jorge Santayana schrieb „Wer die Geschichte nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“. Dem kann ich nur teilweise zustimmen. Oft ist das Gegenteil wahr. Denn wer die Geschichte kennt und sie als wichtigste Begründung für sein Handeln in der Gegenwart und für die Zukunft verwendet, ist eben gerade dazu verurteilt, die Geschichte zu wiederholen. In solchen Fällen müsste es heißen, „dazu verdammt, die Geschichte zu wiederholen, ist gerade derjenige, der die Geschichte zu gut kennt, sie also zu sehr auf sein Verhalten wirken lässt“.

Wer kein positives und friedliches Bild seiner besseren Zukunft hat, ist dazu verdammt, eine gefühlt bessere Vergangenheit wiederherzustellen. Um jeden Preis, den man selbst zahlen muss und den andere zahlen müssen. Eine Vergangenheit, an die andere sich ganz anders erinnern. Was so gut wie sicher zum Konflikt oder gar zum Krieg führt. Russland hat, wie zu viele andere Staaten auch, kein positives Bild seiner Zukunft. Gute Zukunft ist für Russland nur die Wiederherstellung der Vergangenheit. Russland hatte schon vor dem Krieg eine sehr kleine Wirtschaft und eine in der Breite arme Bevölkerung. Die im Wesentlichen von der Ausbeutung endlicher Rohstoffe genährt wird, vor allem Öl und Gas. Innovationen, neue Märkte, mehr Lebensqualität für alle steht nicht im Zukunftsbild Russlands.

Russland-Ukraine: Ein wichtiges Element für die Lösung dieses Konfliktes besteht deshalb darin, dass Russland und die russische Bevölkerung ein positives Bild von seiner Zukunft hat. Ein Bild, für das die Nachbarn nicht leiden müssen. Das von einer respektvollen und friedlichen Zusammenarbeit getragen wird. In den frühen 1990er Jahren schien es so, dass in Russland die ersten Blüten eines solchen Zukunftsbildes entstanden. Erinnern wir uns an die Rede Putins im Bundestag. Diese Blüten sind mittlerweile restlos verwelkt. Ich weiß nicht, wie Russland zu einem guten Zukunftsbild kommen soll. Es gibt dafür kein Patentrezept. Ich weiß nur, dass es ein enorm wichtiger Beitrag für eine gute Zukunft der Russen, der Ukrainer und der Menschheit wäre. Die Akteure auf der politischen Weltbühne müssen alles dafür tun.

Ich finde es bemerkenswert, wie diese Situation den Zusammenhalt in Europa und zum Teil auch in der globalen Gemeinschaft gestärkt hat. Daraus entstehen auch erste Fragmente eines neuen gemeinsamen Zukunftsbildes auf dieser Seite des Konflikts. Das ist ermutigend. Aber die Weltgemeinschaft bleibt so lange gespalten, wie die Menschen im größten Flächenland der Erde kein positives Zukunftsbild haben.

Was können Sie tun? Lassen Sie in Ihrem Leben und im Geschäft die Vergangenheit hinter sich. Ebenso, wenn Sie in der Politik aktiv sind. Lernen sie aus der Geschichte, ganz nüchtern und rational, aber lassen Sie die Vergangenheit nicht Ihre Zukunft bestimmen, sie nicht kolonisieren. Zeichnen Sie ein anziehendes, kooperatives und realisierbares Bild der Zukunft, die Sie schaffen wollen und konzentrieren Sie Ihre Zeit, Ihre Gedanken und Ihre Ressourcen darauf.

Have a bright future!

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