Der Unterschied zwischen Prognose und Vision

Dr. Pero Mićić

Angela Merkels 1 Mio. Elektroautos auf Deutschlands Straßen bis 2020. Helmut Kohls blühende Landschaften in den neuen Bundesländern.
Tja, beides irgendwie nicht ganz so eingetroffen. Aber haben die beiden das wirklich als Prognosen gemeint? Und die Leute machen sich zurecht darüber lustig? Oder waren das Visionen der beiden? Die eben noch nicht erreicht sind. Die meisten können Prognose und Vision nicht genau unterscheiden. Dabei ist es für Ihr Zukunftsdenken extrem wichtig, mit präzisen Begriffen zu arbeiten. Was ist denn genau der Unterschied zwischen Prognose und Vision?

Es gibt Zukunftsforscher, die sagen: „Wir machen hier keine Visionen und solche Phantastereien, wir machen solide wissenschaftliche Prognosen“. Andere sagen „Wir machen keine naiven Prognosen, weil man die Zukunft ohnehin nicht vorhersagen kann, sondern wir machen durchdachte Visionen einer erstrebenswerten Zukunft“.

Übersicht: Unterschiede zwischen Prognose und Vision

Prognose Vision

Zwei verschiedene Arten von Zukunft

Prognose: Wahrscheinliche Zukunft

Räumen wir mal die Gedanken auf. Prognose und Vision sind einfach zwei verschiedene Arten von Zukunft, zwei verschiedene Zukunftsbrillen. Ich verlinke Ihnen hier die fünf Zukunftsbrillen.
Wer eine Prognose erstellt, will eine wahrscheinliche Zukunft beschreiben. Eine Prognose besagt, was in der Zukunft wahrscheinlich sein WIRD! Die Denkfrage ist: Wie WIRD es sein? Die Qualität der Prognose ist daran zu messen, wie genau die Prognose eingetreten ist. Es geht hier übrigens nicht um kurzfristige Prognosen des Wetters, von Wahlergebnissen oder von Absatzzahlen des nächsten Jahres. Es geht um langfristige Prognosen über mehrere Jahre.

Vision: Erstrebte Zukunft

Wer eine Vision entwickelt, will damit eine aus seiner Sicht erstrebenswerte und von ihm oder ihr erstrebte Zukunft beschreiben. Eine Vision besagt, welche Zukunft ein Mensch, ein Paar, eine Familie, ein Team haben WILL. Die Denkfrage ist: Wie SOLL es sein?
Die Qualität der Vision misst sich daran, ob sie eine fokussierende und motivierende Wirkung im Hier und Jetzt entfaltet hat und ob sie verwirklicht wurde. Es ist die Natur einer Vision, dass sie herausfordernd und nicht leicht zu erreichen sein soll. Beispiel: 2030 wollen wir unsere Produktion hundertprozentig emissionsneutral gemacht haben. Es ist schlimmer, wenn eine Prognose nicht eingetreten ist, als wenn eine Vision nicht verwirklicht wurde.

Unterschied zwischen Prognose und Vision am konkreten Beispiel

Beispiel: Im Jahr 2020 werden eine Million Elektroautos auf Deutschlands Straßen fahren. Genau, die Aussage, die man Angela Merkel zuschreibt. Oder: In zehn Jahren werden die neuen Bundesländer blühende Landschaften sein. So soll Helmut Kohl es gesagt haben.

Das aber haben beide so nicht gesagt. Angela Merkel sagte wörtlich im Jahr 2013 auf der IAA: „Wir wollen bis 2020 eine Million Elektroautos auf Deutschlands Straßen bringen“. „Wir wollen bringen“. Das war also keine Prognose, sondern eine Vision.
Wie war das bei Helmut Kohl? Auch er hat nicht das gesagt, was die meisten verstanden haben. Gesagt hat er 1990: „Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt.“
Er sagte zwar „wird“, aber im Zusammenhang „Es wird uns gelingen zu verwandeln“. Auch Kohls Aussage war nicht eine Prognose, sondern eher eine Vision.

Es gibt noch einen weiteren wichtigen Unterschied zwischen Prognose und Vision

Eine Prognose ist die rationale Aussage eines möglichst objektiven Beobachters. Er oder sie betrachtet die Welt da draußen, auf die sie keinen Einfluss hat. Warum betone ich das? Weil wenn der Prognostiker selbst Einfluss auf das Ergebnis und Interesse am Ergebnis hat, kann es zwar wie eine Prognose klingen, aber sie ist vermischt mit Vision und Zielen des Prognostikers und damit schon subjektiv. Zudem ist jemand, der sachlich in etwas involviert ist, auch immer emotional involviert. Solche Prognosen sind quasi durch Emotionalität und Subjektivität „getrübt“. Es sind dann keine Prognosen, sondern Visionen oder Ziele.

Eine Vision ist die subjektive Aussage eines Gestalters. Zwar auch rational, aber zu einem guten Teil emotional. Emotional, weil eine Vision ausdrückt, was ein Mensch, ein Paar, ein Team, eine Gruppe verwirklichen will. Was Sie mit ihren eigenen Einflüssen und Aktivitäten erreichen wollen.
Angela Merkel und Helmut Kohl hatten beide Einfluss auf das Ergebnis ihrer Aussage. Politik ist für Mobilität und Wirtschaftsentwicklung ein wesentlicher Faktor, oft ein viel zu großer, nebenbei gesagt. Und als Kanzler haben Merkel und Kohl die Richtlinien der Politik bestimmt. Auch deshalb waren ihre Aussagen keine Prognosen, sondern Visionen.
Welchen Nutzen haben Sie eigentlich davon, dass und wie sich Prognose und Vision unterscheiden? Zunächst einmal können Sie präziser denken, kommunizieren und entscheiden. Das ist immer gut.

Prognose

Schauen wir uns die Prognosen mal genauer an.
Sehr grobe Prognosen kann fast jeder machen. Autos werden autonom fahren, 3D-Druck verändert Produktion und Handel, das 21. Jahrhundert wird asiatisch. Okay, „Autos werden autonom fahren“, wann genau?, wo genau?, wie genau? Und wie genau und wie stark verändert 3D-Druck die Produktion? Hier Recht zu haben, ist leicht. Weil diese Prognosen erstens nicht präzise sind. Und weil zweitens nicht gesagt ist, wann die Prognose eintreten wird.

Nehmen wir an, Sie führen ein Zuliefer-Unternehmen für die Auto-Industrie und müssen entscheiden, welche Produkte Sie entwickeln und welche Maschinen Sie kaufen. Das legt Sie über Jahre fest. Für diese Entscheidung sind autonome Fahrzeuge ein riesiger Faktor, weil sie – wenn sie kommen – die Zahl der verkauften Autos drastisch reduzieren werden. Wie sehr hilft Ihnen dann die Prognose „Autos werden autonom fahren“? Eben. Grobe Prognosen kann jeder und sie sind wenig nützlich.
Um eine Selbstverständlichkeit zu betonen: Die Zukunft eines komplexen Systems kann man nicht präzise vorhersagen. Deshalb sollten Sie Prognosen mit größter Vorsicht behandeln. Deshalb ist es weise und richtig, keine genauen Prognosen zu machen. Weil man praktisch immer falsch liegt. Unter den Zukunftsforschern, gibt es ja welche, die sich mit der Treffsicherheit ihrer Prognosen rühmen. Das ist bestenfalls naiv. Oder schlimmer, unehrlich.

Aber wie soll man dann Entscheidungen treffen und planen? Dafür brauchen Sie als Stratege und Entscheider Ihre eigenen fundierten Zukunftsannahmen. Prognosen von Zukunftsforschern sind für Ihre eigenen Zukunftsannahmen nur nützliches Rohmaterial. Mehr nicht. Zum Unterschied zwischen Prognosen und Zukunftsannahmen mache ich demnächst noch einen Beitrag.

Vision

Wozu entwickeln Sie eine Vision? Eine gute Vision setzt einen glaubwürdigen Anspruch. Sie macht Sie zuversichtlicher und motivierter. Eine wirksame Vision kann Ihre Aufmerksamkeit fokussieren. Und damit auch Ihre Aktivitäten fokussieren und wirkungsvoller machen. Damit Ihre Vision nützlich und wirksam ist, muss sie natürlich sinnstiftend sein und glaubwürdig realisierbar sein. Sonst zeigen Ihnen Ihre Leute den Vogel.
Für Sie als Zukunftsstrategen und Leader lautet der entscheidende Nutzen: Ohne Vision können Sie nicht führen. Sie müssen eine Vorstellung davon haben, zu welchem Zukunftsbild Sie Ihr Unternehmen und Ihr Team führen wollen. Wo führen Sie Ihr Team hin?
Also, wenn Sie in Zukunft Aussagen über die Zukunft hören, lesen oder selbst machen, wissen Sie nun genauer, was eine Prognose ist, nämlich wahrscheinliche Zukunft, und was eine Vision ist, nämlich erstrebte Zukunft.
Was ist für Sie offen geblieben? Oder kennen Sie gute Beispiele für den Unterschied zwischen Prognose und Vision? Mailen Sie mir: PM@futuremanagementgroup.com 


Ich wünsche Ihnen eine glänzende Zukunft.

Dr. Pero Mićić

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